Gesprächsporträt 02 · Noch in der Führungsrolle
Noch gebraucht. Und trotzdem nicht mehr sicher.
Nach einem anspruchsvollen beruflichen Weg hat sie eine Führungsrolle erreicht. Jetzt baut das Unternehmen Stellen ab. Sie ist weiter beschäftigt, doch die Unsicherheit verändert ihren Alltag und die Zusammenarbeit.
Die Namen sind frei gewählte Pseudonyme. Die Texte wurden aus Gesprächsnotizen rekonstruiert, für das Web gekürzt und redaktionell bearbeitet. Sie sind keine wörtlichen Transkripte. Identifizierende Angaben wurden weggelassen oder verallgemeinert. Dies ist eine Auswahl aus der vorliegenden Gesprächsfassung.
Frage 1 von 8
Ihre Führungsrolle ist noch da. Wie erleben Sie den Stellenabbau?
Ich habe keine Kündigung bekommen. Das möchte ich zuerst festhalten. Es ist erstaunlich, wie wichtig mir dieser Satz ist. Die Kündigungen haben begonnen, und ich bin bisher geblieben. In einer Besprechung hieß es, man werde sich auf das Kernteam konzentrieren. Ich wurde danach noch für die weitere Planung gebraucht. Daraus leite ich ab, dass ich dazugehöre. Schriftlich garantiert hat mir das niemand.
Ich erinnere mich weniger an einen bestimmten ersten Satz als an den Blick einer Kollegin nach ihrem Personalgespräch. Sie kam zurück, nahm ihre Tasche und sagte, sie müsse heute früher los. Später wusste ich, warum. Ich hatte an dem Vormittag noch überlegt, ob sie bei einem Projekt wirklich schnell genug sei. Das ist mir ziemlich unangenehm.
Frage 2 von 8
Wie verändert die Unsicherheit den Umgang miteinander?
Einen Abschied gab es für mich noch nicht. Aber ich erlebe, wie sich Fairness verschiebt. Früher hat man Informationen geteilt, heute überlegt jeder, wem ein Wissensvorsprung nützen könnte. Manche Entscheidungen werden so spät erklärt, dass die Betroffenen kaum noch mitreden können. Das finde ich unfair.
Und jetzt mein Anteil: Ich bin nicht einfach die Nette, die unter den anderen leidet. Ich habe neulich eine Information erst am nächsten Morgen weitergegeben, weil ich sie vorher selbst im Leitungskreis verwenden wollte. Als ich nach Hause fuhr, wusste ich genau, was ich getan hatte. Ich rechtfertige das mit meiner Verantwortung. Ein Teil davon ist aber schlicht Angst, austauschbar zu sein. Das familiäre Unternehmen vermisse ich. Gleichzeitig trage ich selbst dazu bei, dass es weniger familiär wird.
Frage 3 von 8
Was fehlt Ihnen, obwohl Geld und äußere Struktur noch da sind?
Mir fehlt jetzt schon das Gefühl, gemeinsam etwas aufzubauen. Ich sitze mit denselben Menschen am selben Tisch und höre anders zu. Wer stellt meine Entscheidung infrage? Wer bekommt Sichtbarkeit? Wer könnte meine Aufgaben übernehmen? Das ist auf Dauer furchtbar anstrengend.
Das Geld fehlt noch nicht, die Struktur auch nicht. Im Gegenteil, ich arbeite viel zu viel. Was fehlt, ist ein freier Kopf nach Feierabend. Ich kann beim Essen sitzen und überlegen, warum mein Chef auf eine Nachricht nur mit „Danke“ geantwortet hat. Früher hätte ich gedacht: erledigt. Heute lese ich darin möglicherweise nachlassendes Interesse. Ich weiß, wie absurd das klingt. Trotzdem schaue ich nach, wie er früher geschrieben hat.
Frage 4 von 8
Welche Bedeutung hat die Führungsrolle für Ihr Selbstbild?
Das Wiedersehen mit Menschen von früher war schön. Richtig schön. Ich muss das nicht nachträglich bescheiden erzählen. Früher war ich nicht die, bei der alle gesagt haben: Die wird einmal führen. Und dann konnte ich dort erzählen, was ich inzwischen mache. Eine frühere Bekannte fragte sehr genau nach. Ich habe gemerkt, dass sie beeindruckt war, vielleicht auch ein bisschen neidisch. Das hat mir gefallen.
Ich mag meine Arbeit auch inhaltlich. Es ist ein gutes Gefühl, wenn eine Mitarbeiterin nach einem schwierigen Gespräch wieder klarer sieht. Aber ich mochte eben auch, nicht mehr erklären zu müssen, dass ich etwas kann.
Ob die Aufmerksamkeit an der Funktion hängt, weiß ich noch nicht aus einem eigenen Verlust. Ich ahne es. Sonst hätte ich nicht solche Angst vor einem nächsten Wiedersehen.
Frage 5 von 8
Was oder wer hat Ihnen in dieser Zeit wirklich geholfen, und was war gut gemeint, aber nicht hilfreich?
Eine frühere Kollegin fragte mich: „Willst du gerade einen Rat oder willst du einmal sagen dürfen, wie schlimm du es findest?“ Das war gut. Ich musste nicht sofort einen Handlungsplan liefern. Danach konnte ich sogar wieder über Möglichkeiten sprechen.
Mein Partner meint es gut, wenn er sagt, wir würden finanziell eine Zeit lang zurechtkommen. Ich höre leider manchmal: Dein Einkommen ist nicht so wichtig. Das sagt er nicht. Aber ich habe mir meine finanzielle Unabhängigkeit sehr bewusst aufgebaut. Dass jemand mich auffangen könnte, beruhigt mich und verletzt mich gleichzeitig.
Ganz schlecht ist „Du bist doch eine starke Frau“. Dann bin ich offenbar auch noch dafür zuständig, dass meine Angst ordentlich aussieht.
Frage 6 von 8
Wie viele Bewerbungen, Gespräche und Absagen waren es ungefähr? Was hat Sie am Markt überrascht?
Noch keine verschickte Bewerbung. Ich habe mein Profil überarbeitet, einige Stellen gespeichert und mit zwei Personen aus meinem Netzwerk gesprochen. Es gab ein unverbindliches Gespräch über eine mögliche Führungsaufgabe, aber kein Angebot. Absagen kann ich also noch gar nicht zählen. Mein Kopf tut trotzdem schon so, als müsste ich meine ganze Karriere gegen den Markt verteidigen.
Überrascht hat mich, dass ich bei den Anzeigen zuerst auf die Hierarchieebene schaue. Danach auf die Aufgabe. Ich erzähle mir, ich suche Gestaltungsmöglichkeiten. Vielleicht suche ich zuerst einen Beleg dafür, dass der bisherige Weg nicht umsonst war. Das möchte ich nicht gern zugeben.
Frage 7 von 8
Wo stehen Sie heute, beruflich und persönlich? Was ist besser geworden, was schmerzt weiterhin?
Beruflich bin ich noch da. Die Aufgaben werden eher mehr, weil Menschen gehen. Nach außen könnte man sagen: Sie wird gebraucht. Innerlich fühlt sich das nicht unbedingt sicher an. Ich kann mehr Verantwortung bekommen und trotzdem in einem Unternehmen sitzen, dessen Lage sich weiter verschlechtert.
Persönlich habe ich immerhin aufgehört, meinem Partner täglich „Alles gut“ zu sagen. Manchmal sage ich: „Heute habe ich keine Kraft für eine Einschätzung.“ Das ist ehrlicher.
Was schmerzt, ist diese kurze Zeitspanne. Ich bin noch nicht lange in der Rolle, für die ich mich zurückgekämpft habe. Ich hatte noch nicht einmal das Gefühl, richtig angekommen zu sein. Ich will noch nicht lernen müssen, wie man sie wieder loslässt.
Frage 8 von 8
Gibt es etwas, das ich nicht gefragt habe, das aber in so ein Buch gehört?
Ja: Das Buch sollte auch Menschen erreichen, die noch jeden Morgen hingehen. Ich habe Angst, ohne offiziell einen Verlust vorweisen zu können. Manchmal komme ich mir deshalb vor, als dürfte ich mich nicht beklagen. Andere sind schließlich schon gekündigt.
Und schreiben Sie über Ehrgeiz, ohne ihn sofort zu behandeln wie eine Krankheit. Ich möchte gestalten, gut verdienen, sichtbar sein. Ich habe mir das nicht nur eingeredet. Ich will lernen, dafür nicht jeden Preis zu zahlen. Aber wenn der Rat lautet, ich solle einfach weniger wollen, bin ich als Leserin vermutlich weg. Ich möchte verstehen, welcher Teil meines Ehrgeizes mir hilft und welcher mich gerade auffrisst.