Gesprächsporträt 01 · Vor dem möglichen Ausstieg
Das Angebot liegt auf dem Tisch. Die Zukunft nicht.
Eine Führungskraft steht vor der Entscheidung über einen angebotenen Ausstieg. Finanzielles Polster, laufende Verpflichtungen und der Verlust von Einfluss lassen sich nicht auf eine einzige Zahl reduzieren.
Die Namen sind frei gewählte Pseudonyme. Die Texte wurden aus Gesprächsnotizen rekonstruiert, für das Web gekürzt und redaktionell bearbeitet. Sie sind keine wörtlichen Transkripte. Identifizierende Angaben wurden weggelassen oder verallgemeinert. Dies ist eine Auswahl aus der vorliegenden Gesprächsfassung.
Frage 1 von 8
Ihre Position besteht noch. Was hat sich verändert?
Weggefallen ist meine Position noch nicht. Das ist ja das Verrückte: Ich fahre morgens weiter hin, entscheide Dinge, unterschreibe Freigaben. Gleichzeitig liegt dieses Angebot auf dem Tisch, als wäre meine Zukunft nur noch eine Frage der Konditionen.
Das Gespräch war in einem kleinen Besprechungsraum, nicht bei meinem Chef im Büro. Personal war dabei. Da weißt du eigentlich schon Bescheid. „Wir möchten mit Ihnen über eine attraktive freiwillige Lösung sprechen.“ Attraktiv. Ich habe sofort nach der Zahl gefragt. Eine hohe Abfindung. Für einen kurzen Moment dachte ich: Das ist viel Geld. Dann habe ich angefangen zu rechnen. Unsere laufenden Kosten und finanziellen Verpflichtungen. Und irgendwann ist diese Summe weg. Meine Verpflichtungen nicht.
Frage 2 von 8
Was haben Sie in den ersten 48 Stunden getan, und was davon würden Sie heute anders machen?
Ich habe gerechnet. Nicht einmal ordentlich, sondern immer wieder dieselben Zahlen in andere Felder geschrieben. Abends am Küchentisch, später noch im Bett auf dem Handy. Als könnte ich durch häufigeres Rechnen eine andere Wirklichkeit herstellen. Was tatsächlich verfügbar bliebe, muss ich erst sauber klären lassen; trotzdem hatte ich im Kopf schon fünf verschiedene Reichweiten.
Meiner Frau habe ich zuerst nur die Summe genannt. Das war ein Fehler. Sie sagte: „Das ist doch erst einmal ein ordentliches Polster.“ Ich hörte darin: Stell dich nicht so an. Gesagt hat sie das nicht. Ich hätte mit meiner Angst anfangen sollen. Stattdessen habe ich ihr vorgerechnet, warum ihre erste Reaktion falsch war. Ein toller Einstieg in ein gemeinsames Problem.
Frage 3 von 8
Was fehlt Ihnen bereits heute – noch vor einem möglichen Abschied?
Die ersten Monate danach gibt es noch nicht. Was jetzt schon fehlt, ist Unbefangenheit. Früher konnte ich über einen schlechten Termin schimpfen und danach weitermachen. Heute frage ich mich bei jeder Einladung: Brauchen sie mich wirklich noch, oder läuft hier nur ein Prozess aus?
Das Geld wäre der größte praktische Verlust. Ich werde jetzt nicht so tun, als sei mein bisheriges Einkommen nebensächlich. Darauf haben wir unser Leben ausgerichtet. Aber wenn die finanziellen Fragen geklärt wären, hätte ich immer noch ein Problem: Wofür stehe ich morgens auf? Ich habe kein Hobby, bei dem ich denke: Endlich kann ich das ausbauen. Ein bisschen Nachrichten lesen, mal Sport, essen gehen. Das ist noch kein Leben für fünf Tage pro Woche.
Frage 4 von 8
Was hat Ihnen an Ihrer früheren Rolle Freude gemacht, das Sie sich vorher nicht eingestanden hätten? Gab es Momente, in denen Sie gemerkt haben, dass manches an der Funktion hing und nicht an Ihnen?
Ich mag es, wenn ich in einen Raum komme und die Leute aufhören, durcheinanderzureden. Das klingt jetzt nicht besonders sympathisch. Aber Sie haben gefragt. Ich mag, dass meine Einschätzung Gewicht hat. Dass jemand sagt: „Wir brauchen Ihre Entscheidung.“ Natürlich habe ich auch Dinge gut gelöst. Es war nicht alles nur Eitelkeit.
Neulich wurde ein Thema direkt mit einem Kollegen abgestimmt, das sonst über mich gelaufen wäre. Sachlich konnte ich verstehen, warum. Ich war trotzdem richtig sauer. Da habe ich gemerkt: Mir fehlte nicht die zusätzliche Arbeit. Mir fehlte, dass man mich vorher fragen musste. Das erzähle ich normalerweise niemandem. Ich sage dann lieber etwas über unklare Zuständigkeiten.
Frage 5 von 8
Was oder wer hat Ihnen in dieser Zeit wirklich geholfen, und was war gut gemeint, aber nicht hilfreich?
Ein ehemaliger Kollege war hilfreich, weil er nicht sofort „Mit deinem Profil!“ gesagt hat. Er fragte: Was brauchst du tatsächlich an Einkommen, und was möchtest du nicht verlieren, obwohl du vielleicht darauf verzichten könntest? Ich fand die Frage ziemlich unverschämt. Später habe ich sie aufgeschrieben.
Nicht hilfreich ist dieses „Du landest immer auf den Füßen“. Woher wissen die das? Ebenso wenig hilft mir, dass andere mit viel weniger auskommen. Das stimmt sicher. Es beantwortet meine konkrete Lage nicht.
Meine Frau hilft manchmal, indem sie mich aus einer Gedankenschleife holt. Nur will ich in diesem Moment meistens lieber weiterreden, bis sie mir bestätigt, dass meine Sicht richtig ist. Das macht es für sie nicht leicht.
Frage 6 von 8
Wie viele Bewerbungen, Gespräche und Absagen waren es ungefähr? Was hat Sie am Markt überrascht?
Bewerbungen im klassischen Sinn bisher keine große Zahl. Bisher waren es einige diskrete Gespräche mit Personalberatern und Kontakte zu Unternehmen. Ein Gespräch war konkreter, die anderen eher: interessantes Profil, schwieriger Markt, wir bleiben in Verbindung. Das sagt man offenbar sehr leicht.
Überrascht hat mich, wie wenig sich aus meinem bisherigen Gehalt ableiten lässt. Für mich zeigt es, welchen Verantwortungsumfang ich hatte. Ein Mittelständler fragt: Welches Problem lösen Sie hier, und was können wir dafür bezahlen? Da kann eine Aufgabe interessant sein und trotzdem deutlich unter meinem bisherigen Einkommen liegen. Im Kopf rechne ich sofort die Differenz aus. Die Aufgabe höre ich mir dann schon nicht mehr richtig an.
Frage 7 von 8
Wo stehen Sie heute, beruflich und persönlich? Was ist besser geworden, was schmerzt weiterhin?
Ich stehe vor einer Entscheidung, nicht vor einem Neuanfang. Das Angebot ist da, ich habe nicht zugesagt. Ich möchte zuerst verstehen, wie belastbar die Alternativen sind. Mein schlimmster Gedanke ist, dass ich heute ablehne und in zwei Jahren trotzdem gehen muss, nur mit weniger Geld und schlechteren Chancen. Aber das ist eine Befürchtung, keine Information darüber, was sicher passieren wird.
Besser ist, dass meine Frau inzwischen weiß, was mich nachts beschäftigt. Wir reden nicht mehr nur über die Abfindungssumme. Was weiterhin schmerzt: Ich bin in meiner eigenen beruflichen Zukunft plötzlich nicht derjenige, der die Bedingungen festlegt. Das kannte ich theoretisch. Praktisch macht es mich rasend.
Frage 8 von 8
Gibt es etwas, das ich nicht gefragt habe, das aber in so ein Buch gehört?
Ja. Schreiben Sie über Leute, die noch mitten im Entscheiden sind. Nicht nur über den letzten Arbeitstag und darüber, wie man danach einen Spaziergang macht. Ich muss heute etwas unterschreiben oder nicht unterschreiben, ohne zu wissen, welche Zukunft ich damit wähle.
Und bitte machen Sie uns nicht alle nach zwanzig Seiten zu geläuterten Menschen, die plötzlich merken, wie schön ein kleiner Garten ist. Vielleicht will ich weiter viel verdienen und Verantwortung haben. Ich möchte nur nicht, dass daran mein kompletter Selbstwert hängt. Diese beiden Wünsche sind bei mir gleichzeitig da. Das zweite Ziel macht das erste nicht einfach weg.