Gesprächsporträt 03 · Nach dem Ausscheiden

MatthiasPseudonym · aus Gesprächsnotizen rekonstruiert

Die Suche läuft. Das Leben wartet nicht.

Nach einem vereinbarten Ausstieg bleibt die erhoffte neue Stelle aus. Aus der anfänglichen Aufbruchsstimmung werden eine belastende Suche, Rückzug und die Frage, welche Unterstützung jetzt trägt.

Jobsuche · Alltagsstruktur · Belastung · ca. 5 Minuten Lesezeit

Die Namen sind frei gewählte Pseudonyme. Die Texte wurden aus Gesprächsnotizen rekonstruiert, für das Web gekürzt und redaktionell bearbeitet. Sie sind keine wörtlichen Transkripte. Identifizierende Angaben wurden weggelassen oder verallgemeinert. Dies ist eine Auswahl aus der vorliegenden Gesprächsfassung.

Frage 1 von 8

Wie haben Sie erfahren, dass Ihre Position wegfällt? Erinnern Sie sich an den Tag, den Ort, die ersten Sätze?

Als das Angebot kam, habe ich es zuerst als Gelegenheit gesehen. Das muss man verstehen. Ich war nicht der Mann, den man gebrochen aus dem Gebäude führen musste. Ich dachte: Ordentliche Abfindung, Erfahrung, Kontakte, noch genug Energie. Vielleicht lande ich sogar besser. Ich habe meiner Frau gesagt: „Wenn das klappt, haben wir es richtig gemacht.“ Dieses Wenn wurde bei mir im Kopf ziemlich schnell zu einem Wann.

Das eigentliche Ausscheiden war unspektakulär. Letzter Termin, ein paar Nachrichten, Sachen abgegeben. Zu Hause stand noch eine Tasche neben dem Schreibtisch, die ich tagelang nicht ausgepackt habe. Ich war gedanklich schon beim nächsten Job. Dass Monate später immer noch keiner da sein würde, hatte ich als Risiko erwähnt. Geglaubt habe ich es nicht.

Frage 2 von 8

Was hat Ihnen in den ersten Monaten am meisten gefehlt? Das Geld, die Struktur, die Menschen, der Einfluss, etwas anderes?

Am Anfang fehlte mir erstaunlich wenig. Ich hatte genug zu organisieren. Dann fehlten mir Menschen, die ohne Verabredung da waren. Dieses kurze Gespräch vor einem Termin, jemand, der sich über denselben Unsinn aufregt. Heute kann ein Vormittag vergehen, ohne dass jemand meine Stimme hört.

Die Struktur habe ich durch Bewerbungen ersetzt. Das funktioniert nur schlecht, wenn die Aufgabe nie fertig ist. Es könnte immer noch eine Anzeige erscheinen. Ich sitze da wie ein Bereitschaftsdienst für ein Unternehmen, das mich noch gar nicht kennt.

Das Geld wird immer wichtiger, obwohl noch Leistungen fließen und Rücklagen da sind. Die Abfindung fühlt sich nicht mehr wie ein Gewinn an. Sie fühlt sich an wie etwas, das beim Leben kleiner wird.

Frage 3 von 8

Was hat Ihnen an Ihrer früheren Rolle Freude gemacht, das Sie sich vorher nicht eingestanden hätten? Gab es Momente, in denen Sie gemerkt haben, dass manches an der Funktion hing und nicht an Ihnen?

Ich mochte, dass ich etwas bewegen konnte, ohne für jeden Schritt persönlich bitten zu müssen. Ein Problem kam auf meinen Tisch, ich holte Leute zusammen, dann ging etwas los. Jetzt bitte ich um eine Rückmeldung zu einer Bewerbung und bekomme nicht einmal die.

Ein früherer Kontakt hat mir einmal sehr schnell geantwortet, weil er dachte, ich könnte noch einen Auftrag vergeben. Als klar war, dass ich selbst suchte, wurde es unverbindlicher. Vielleicht war das Zufall. Aber ich habe den Unterschied gespürt.

Und ja, ich mochte, dass Leute lachten, wenn ich in einer Runde einen Spruch machte. Vielleicht war ich wirklich lustig. Vielleicht war ich manchmal nur der Chef. Darüber denke ich inzwischen öfter nach, als mir lieb ist.

Frage 4 von 8

Gab es einen Tiefpunkt? Wie sah ein schlechter Tag konkret aus?

Ein schlechter Tag: Ich wache früh auf, prüfe das Handy, obwohl nachts vermutlich niemand über meine Bewerbung entschieden hat. Frühstück mit der Familie. Ich frage etwas und höre die Antwort nur halb. Danach Laptop. Eine Absage, zwei Anzeigen, die nicht passen, eine ältere Bewerbung, deren Status sich nicht verändert hat.

Ich habe auch schon am Vormittag Alkohol getrunken. Beim ersten Mal hatte ich noch eine Erklärung dafür. Beim zweiten Mal wusste ich schon, dass ich gerade dieselbe Erklärung wieder benutze. Für eine Weile wurde es stiller im Kopf. Hinterher kam die Scham dazu.

Der eigentliche Tiefpunkt war, als ich merkte, dass ich meinen Konsum verheimliche. Nicht nur trinke, sondern mich damit beschäftige, was meine Frau bemerken könnte. Da konnte ich mir nicht mehr ganz so leicht erzählen, das sei bloß ein entspannter Nachmittag.

Frage 5 von 8

Was oder wer hat Ihnen in dieser Zeit wirklich geholfen, und was war gut gemeint, aber nicht hilfreich?

Mein Freund beim Spaziergang. Er hat nicht für alles einen Tipp. Manchmal reden wir zwanzig Minuten über Fußball, und erst danach erzähle ich, wie die Woche war. Das tut mir gut, weil ich für einen Moment nicht nur der Arbeitslose bin.

Aber ich erzähle auch ihm nicht alles. Er weiß, dass ich abends mehr trinke. Die Vormittage habe ich bisher ausgelassen. Damit mache ich es ihm schwer, die Lage wirklich zu verstehen. Ich sage, niemand kann mir helfen, und sortiere gleichzeitig aus, was andere wissen dürfen.

„Du musst nur positiv bleiben“ hilft mir überhaupt nicht. Konkrete Hilfe schon: eine Bewerbung gemeinsam ansehen, ein ehrliches Gespräch über eine Zielrolle. Nur bitte nicht jeder Spaziergang als Bewerbungstraining.

Frage 6 von 8

Wie viele Bewerbungen, Gespräche und Absagen waren es ungefähr? Was hat Sie am Markt überrascht?

Ich müsste die Tabelle öffnen. Es waren mehrere Dutzend Bewerbungen über einige Monate, darunter auch Initiativbewerbungen. Es gab erste Gespräche und einige weitere Runden, aber kein Angebot. Viele Bewerbungen wurden ausdrücklich abgesagt, andere blieben offen oder unbeantwortet. Ganz sauber ist meine Liste nicht mehr.

Initiativbewerbungen habe ich inzwischen eingestellt. Vielleicht zu pauschal, aber ich konnte die ausbleibenden Antworten nicht mehr ertragen. Stattdessen habe ich meine Suche stärker technisch unterstützt. Technisch hat mir das sogar Spaß gemacht. Jetzt sehe ich Anzeigen schnell und bewerbe mich früh. Nur bedeutet früh eben nicht passend oder ausgewählt. Das Werkzeug funktioniert besser als die Hoffnung, die ich daran gehängt habe.

Frage 7 von 8

Wo stehen Sie heute, beruflich und persönlich? Was ist besser geworden, was schmerzt weiterhin?

Heute bin ich seit einigen Monaten raus und habe keine neue Stelle. Die Suche läuft, aber ich merke, dass meine Hoffnung schneller sinkt als die Zahl meiner Bewerbungen. Nach außen bin ich beschäftigt. Innen denke ich immer öfter: Was soll ich denn noch tun?

Etwas Gutes gibt es trotzdem. Ich sehe meine Familie häufiger, und an manchen Nachmittagen ist das wirklich schön. Das macht die Lage nicht gut, aber diese Zeit ist nicht erfunden.

Beim Trinken bin ich an einem Punkt, an dem ich es nicht mehr kleinreden kann. Ich habe bisher noch keinen Termin dafür gemacht. Im Kopf formuliere ich schon, was ich sagen würde, und schiebe den Anruf dann weg. Ich möchte hier nicht behaupten, ich hätte es im Griff, nur weil ich gerade offen darüber spreche.

Frage 8 von 8

Gibt es etwas, das ich nicht gefragt habe, das aber in so ein Buch gehört?

Es sollte hinein, wie unauffällig man schlechter werden kann. Ich liege nicht den ganzen Tag auf dem Sofa. Ich kann Ihnen meinen Suchprozess erklären, die Nachrichtenlage einordnen und neue digitale Werkzeuge einsetzen. Trotzdem gibt es Tage, an denen ich mich kaum noch aus meinen Gedanken herausbekomme.

Und Alkohol darf im Buch nicht erst vorkommen, wenn jemand morgens schon sichtbar betrunken ist. Bei mir fing es als Entlastung an. Jetzt gehört das Verstecken dazu, und ich habe immer noch eine gut klingende Geschichte über einen schwierigen Übergang.

Wenn Sie das als Fall erzählen, geben Sie mir bitte nicht zum Schluss schnell einen Job und machen damit alles heil. Ich weiß selbst nicht, wie es weitergeht. Genau dafür brauche ich etwas, das trägt.

Buchprojekt „Der Montag ohne Auftrag“ · Stand 1. November 2026

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