Emotional Agility
Wie wir schwierige Gedanken und Gefühle wahrnehmen, Abstand zu ihren Geschichten gewinnen und den nächsten Schritt an unseren Werten ausrichten.
Susan David · Emotional Agility: Get Unstuck, Embrace Change, and Thrive in Work and Life (2016)
Skill-Fokus: Selbstwahrnehmung · emotionale Selbstregulation · Werteorientierung
3-Minuten-Impuls lesen
Vor einer wichtigen Präsentation taucht der Gedanke auf: „Ich werde mich blamieren.“ Der Körper wird angespannt, und plötzlich scheint Absagen die einzig vernünftige Möglichkeit. Ein Gedanke und ein Gefühl sind zu einer vermeintlichen Tatsache geworden.
Susan David beschreibt emotionale Agilität als die Fähigkeit, mit inneren Erfahrungen offen und flexibel umzugehen. Ziel ist weder dauerhafte Positivität noch Kontrolle über jedes Gefühl. Es geht darum, Gedanken und Emotionen wahrzunehmen, ohne von ihnen beherrscht zu werden – und das eigene Handeln an tragenden Werten auszurichten.
1. Der inneren Erfahrung Raum geben
Unangenehme Gefühle wegzudrücken, zu beschönigen oder sofort „lösen“ zu wollen, kann ihre Botschaft verdecken. Ärger weist vielleicht auf eine verletzte Grenze hin, Angst auf Bedeutung oder Unsicherheit, Trauer auf einen Verlust. Anerkennen bedeutet zunächst: Diese Erfahrung ist gerade da.
Genauere Sprache hilft. Zwischen „schlecht“ und „enttäuscht“, „überfordert“, „einsam“ oder „besorgt“ liegen unterschiedliche Bedürfnisse und Handlungsmöglichkeiten. Das Benennen schafft noch keine Lösung, macht die Situation aber differenzierter.
2. Aus der Geschichte einen beobachtbaren Gedanken machen
Wir verwechseln innere Sätze leicht mit der Wirklichkeit. David empfiehlt, Abstand zu gewinnen: „Ich bemerke den Gedanken, dass ich scheitern werde“ statt „Ich werde scheitern“. Auch ein Gefühl lässt sich so beschreiben: „Ich bemerke Anspannung“ statt „Ich bin dieser Angst ausgeliefert“.
Dieser Schritt bekämpft den Gedanken nicht. Er verändert die Beziehung zu ihm. Zwischen Impuls und Handlung entsteht ein kleiner Raum, in dem weitere Informationen und Optionen auftauchen können.
3. Den nächsten Schritt am Wert ausrichten
Werte sind gewählte Qualitäten des Handelns – etwa Verbundenheit, Mut, Fairness oder Lernen. Sie unterscheiden sich von Zielen: Eine Präsentation kann beendet werden; sorgfältig und mutig zu handeln bleibt eine Richtung.
Emotional agil zu handeln kann bedeuten, die Anspannung mitzunehmen und dennoch eine Frage zu stellen, eine Grenze anzusprechen oder einen ersten Entwurf zu zeigen. Der Schritt sollte klein und realistisch sein. Werteorientierung verlangt nicht, jedes Risiko einzugehen oder Warnsignale zu ignorieren.
Deine Übung: vom inneren Haken zur Wahl
Nimm eine Situation, in der Du innerlich festhängst. Arbeite drei Minuten:
- Minute 1 – zeigen. Benenne möglichst genau einen Gedanken, ein Gefühl und eine Körperempfindung, ohne sie zu bewerten.
- Minute 2 – Abstand. Beginne den Satz mit „Ich bemerke den Gedanken/das Gefühl, dass …“ Was wird dadurch wieder als Möglichkeit sichtbar?
- Minute 3 – Wert. Welcher Wert soll Dein Verhalten in dieser Situation prägen? Wähle eine kleine Handlung für die nächsten 24 Stunden.
Die Übung soll Gefühle nicht wegmachen. Prüfe vielmehr, ob Du mit ihnen einen bewussteren Schritt wählen kannst.
Was wir daraus mitnehmen
Emotionale Agilität verbindet Selbstwahrnehmung mit werteorientierter Handlung. In WEITER7 kann das Benennen den Realitätscheck vertiefen und der Wert die Richtung für ein kleines Entwicklungsexperiment klären.
Welche innere Geschichte behandle ich gerade wie eine Tatsache – und welcher Wert könnte meinen nächsten Schritt bestimmen?
Einordnung: Dieser Impuls fasst ausgewählte Gedanken aus Davids Ansatz in eigenen Worten zusammen. Übung und WEITER7-Zuordnung sind eigene Übertragungen. Emotionale Agilität bedeutet nicht, belastende Bedingungen hinzunehmen oder psychische Beschwerden allein zu bewältigen. Bei anhaltender starker Belastung, Krise oder Trauma ist professionelle Unterstützung angemessen.
Quellen und Vertiefung: Offizielle Buchseite von Susan David ↗ · Offizielle Verlagsseite ↗