What Should My Children Do?
Was sollen Kinder heute lernen, wenn wir ihre spätere Arbeitswelt gar nicht mehr zuverlässig vorhersagen können?
Daniel Susskind · How to Flourish in the Age of AI · Allen Lane · 2026
3-Minuten-Impuls lesen
Eltern möchten ihre Kinder auf die Zukunft vorbereiten. Das klingt selbstverständlich – bis man versucht zu beantworten, worauf genau.
Welche Berufe wird es 2040 geben? Welche Aufgaben übernimmt künstliche Intelligenz? Welche Fähigkeiten bleiben wertvoll? Und was sollten Schulen heute lehren, wenn sich die Zielmarke schneller bewegt als Lehrpläne?
Daniel Susskind stellt diese Unsicherheit ins Zentrum seines neuen Buches What Should My Children Do? How to Flourish in the Age of AI. Seine Antwort ist erfreulich unaufgeregt: Wir müssen nicht so tun, als könnten wir die Zukunft exakt vorhersagen. Wir müssen Menschen darauf vorbereiten, mit Veränderung kompetent umzugehen.
1. „Future-proof“ ist wahrscheinlich die falsche Idee
Viele Zukunftsdebatten folgen einem vertrauten Muster: Wenn Maschinen bestimmte Tätigkeiten übernehmen, suchen wir nach Fähigkeiten, die sie angeblich nicht beherrschen werden. Vor einigen Jahren galt Programmieren noch als besonders sichere Empfehlung. Heute erzeugen KI-Systeme selbst komplexen Code.
Susskind warnt deshalb vor der Vorstellung, wir müssten nur die eine menschliche Nische finden, die dauerhaft vor technologischem Fortschritt geschützt ist. Je leistungsfähiger KI wird, desto unsicherer wird genau diese Wette.
Das bedeutet nicht, dass Fähigkeiten unwichtig werden. Im Gegenteil. Aber die Frage verschiebt sich von „Welche Fähigkeit kann KI niemals?“ zu „Welche Fähigkeiten helfen einem Menschen, auch dann weiterzulernen und zu handeln, wenn sich Aufgaben und Werkzeuge verändern?“
Für Future Skills ist das ein wichtiger Unterschied. Eine Kompetenzliste ist nur dann hilfreich, wenn sie nicht so behandelt wird, als ließe sich damit eine ungewisse Zukunft einfach absichern.
2. Gerade wegen KI werden Grundlagen wichtiger
Susskinds Empfehlungen wirken an dieser Stelle überraschend klassisch: Lesen, Schreiben und Mathematik bleiben zentral.
Warum, wenn KI Texte formuliert, rechnet und Informationen in Sekunden zusammenfasst? Weil ein leistungsfähiges Werkzeug eigenes Verständnis nicht überflüssig macht. Wer Ergebnisse beurteilen, gute Fragen stellen, Widersprüche erkennen und Verantwortung übernehmen möchte, braucht eine Grundlage, von der aus er urteilen kann.
Das ist mehr als Nostalgie für eine analoge Schule. Es geht um kognitive Selbstständigkeit. Wer jeden ersten Denkversuch an ein System delegiert, kann zwar schneller zu einer Antwort kommen – entwickelt aber möglicherweise weniger Sicherheit darin, Qualität und Plausibilität dieser Antwort selbst einzuschätzen.
Die Herausforderung lautet deshalb nicht „KI oder Grundlagen?“, sondern: Wie stärken wir Grundlagen und nutzen gleichzeitig die neuen Möglichkeiten der KI?
3. Mit KI lernen – und ohne KI handlungsfähig bleiben
Susskind schlägt dafür ein einfaches Prinzip vor: „Teach both, test both.“
Sein Vergleich ist der Taschenrechner. Schulen haben Mathematik nicht aufgegeben, als Rechner schneller rechnen konnten. Schülerinnen und Schüler lernen heute sowohl grundlegende Verfahren als auch den sinnvollen Einsatz technischer Hilfsmittel.
Für KI wäre die Konsequenz weitreichender: Kinder sollten lernen, mit KI gute Ergebnisse zu erzielen – und zugleich zeigen können, was sie ohne KI verstehen, formulieren und lösen können.
Das könnte für viele Fächer gelten: selbst argumentieren und anschließend KI zur Kritik nutzen; ein Problem zunächst eigenständig strukturieren und danach alternative Lösungswege generieren lassen; Grundlagen erwerben und KI später als persönlichen Tutor einsetzen.
Gerade personalisierte KI-Tutoren sieht Susskind als große Chance. Gleichzeitig bleibt offen, wie zuverlässig, pädagogisch hochwertig und für alle zugänglich solche Systeme tatsächlich sein werden. Technik kann individuelles Lernen unterstützen – sie ersetzt nicht automatisch gutes Lernen.
4. Nicht auf Jobtitel vorbereiten – sondern auf Probleme
Einer der stärksten Gedanken des Buches betrifft die Berufsorientierung. Susskind empfiehlt, junge Menschen weniger auf prestigeträchtige Berufsbezeichnungen und stärker auf bedeutsame Probleme auszurichten.
Das ist plausibel, weil Berufe Bündel von Aufgaben sind – und diese Bündel sich durch Technologie neu zusammensetzen können. Der Arzt, die Lehrerin, der Programmierer oder die Anwältin des Jahres 2040 könnten völlig anders arbeiten als heute.
Die zugrunde liegenden Probleme bleiben dagegen oft bestehen: Menschen wollen gesund werden. Kinder sollen lernen. Konflikte müssen gelöst werden. Organisationen brauchen Entscheidungen. Gesellschaften benötigen Vertrauen, Infrastruktur und Orientierung.
Für unser JobRadar 2040 ist genau das zentral. Statt nur nach neuen Jobtiteln zu suchen, fragen wir: Welche Aufgaben und Verantwortungen entstehen – und wo werden Menschen trotz oder gerade wegen leistungsfähiger Technologie gebraucht?
5. Zukunftsfähigkeit ist größer als Beschäftigungsfähigkeit
Hier würden wir Susskinds Ausgangsfrage am Future Skills Institut noch erweitern.
Die Frage „Was soll mein Kind einmal tun?“ richtet den Blick schnell auf Ausbildung, Beruf und Arbeitsmarkt. Das ist wichtig. Aber ein Mensch muss nicht nur beschäftigungsfähig sein. Er muss ein Leben gestalten können.
Wenn KI künftig erhebliche Teile heutiger Erwerbsarbeit verändert, gewinnen deshalb Fähigkeiten an Bedeutung, die nicht nur im Beruf tragen: Selbststeuerung, Beziehungsgestaltung, Lernfähigkeit, Urteilskraft, Umgang mit Unsicherheit, technologische Kompetenz und die Fähigkeit, dem eigenen Leben Orientierung zu geben.
Genau hier verbinden sich unsere Forschung zu Eltern, Schule & Zukunftskompetenzen, das Future Skills Framework, JobRadar 2040 und Lebensfähig 2040.
Vielleicht ist die entscheidende Zukunftsfrage deshalb nicht nur:
„Was soll mein Kind später einmal tun?“
Sondern:
„Was sollte mein Kind heute entwickeln, damit es sein Leben auch dann selbstbestimmt gestalten kann, wenn die Welt anders aussieht als erwartet?“
Was wir daraus mitnehmen
What Should My Children Do? ist kein Versuch, die Berufe von 2040 vorherzusagen. Seine Stärke liegt gerade darin, die Unsicherheit ernst zu nehmen.
Daraus entsteht eine Haltung, die wir für Future Skills sehr relevant finden: Grundlagen stärken. Neue Technologie aktiv lernen. Eigenständiges Denken nicht abgeben. Flexibel bleiben. Und sich eher an relevanten Problemen als an vermeintlich sicheren Etiketten orientieren.
Das ist keine Garantie für eine gelingende Zukunft. Aber vielleicht ist genau das die falsche Erwartung an Bildung. Bildung kann eine ungewisse Zukunft nicht sicher machen. Sie kann Menschen jedoch besser darauf vorbereiten, in ihr handlungsfähig zu bleiben.
Wenn wir heute nicht wissen können, welchen Beruf ein zehnjähriges Kind 2040 einmal ausüben wird: Welche Fähigkeiten würden wir ihm trotzdem unbedingt mitgeben wollen?
Einordnung: Dieser 3-Minuten-Impuls fasst ausgewählte Argumente aus Daniel Susskinds What Should My Children Do? in eigenen Worten zusammen und verbindet sie mit den Forschungsfragen des Future Skills Instituts. Das Buch ist bewusst technologieoffen und formuliert praktische Empfehlungen für Bildung und Arbeitswelt. Wie schnell KI-Fähigkeiten tatsächlich wachsen, wie stark einzelne Berufe betroffen sein werden und welchen pädagogischen Nutzen KI-Tutoren im Alltag erreichen, bleibt unsicher. Die Verbindungen zum Future Skills Framework, zur Elternstudie, zu JobRadar 2040 und Lebensfähig 2040 sind FSI-Einordnungen.
Quelle: Daniel Susskind (2026): What Should My Children Do? How to Flourish in the Age of AI. Allen Lane, 240 Seiten; britische Ausgabe erschienen am 10. September 2026. Weitere Informationen: Penguin UK · Offizielle Buchseite ↗ · Daniel Susskind über Bildung und KI ↗ · Penguin Random House · Buchbeschreibung ↗