Gesprächsporträt 04 · Wenn Aufträge wegbrechen

JosephinePseudonym · aus Gesprächsnotizen rekonstruiert

Gefragt im Gespräch. Seltener gebucht.

Eine erfahrene Coachin begleitet Menschen in Verantwortung. Nun bleiben eigene Aufträge aus. Persönliches Vertrauen, fachliches Können und ein tatsächlich finanziertes Mandat erweisen sich als verschiedene Dinge.

Nachfrage · Selbstständigkeit · Relevanz · ca. 5 Minuten Lesezeit

Die Namen sind frei gewählte Pseudonyme. Die Texte wurden aus Gesprächsnotizen rekonstruiert, für das Web gekürzt und redaktionell bearbeitet. Sie sind keine wörtlichen Transkripte. Identifizierende Angaben wurden weggelassen oder verallgemeinert. Dies ist eine Auswahl aus der vorliegenden Gesprächsfassung.

Frage 1 von 8

Bei Ihnen gab es keine Kündigung. Woran wurde der Einschnitt erkennbar?

Es gab keinen Tag, an dem jemand gesagt hat: Ihre Position entfällt. Meine Position existiert ja nicht auf einem Organigramm. Zuerst wurde eine Verlängerung verschoben. Dann hieß es bei einem anderen Kunden, neue Coachings müssten zentral genehmigt werden. Ein Termin im nächsten Quartal wurde zum nächsten Halbjahr. Irgendwann fiel mir auf, dass ich mehr über mögliche Aufträge sprach, als tatsächlich welche im Kalender standen.

Ich erinnere mich an eine Nachricht mit dem Satz: „Wir schätzen Ihre Arbeit sehr, können aktuell aber kein Budget freigeben.“ Ich hatte davor ein gutes Gespräch mit dem Klienten gehabt. Er wollte weitermachen. Das hat es fast schwerer gemacht: Der Bedarf war da, die Beziehung auch. Nur entstand daraus kein Auftrag.

Frage 2 von 8

Was hat Ihnen in den ersten Monaten am meisten gefehlt? Das Geld, die Struktur, die Menschen, der Einfluss, etwas anderes?

Mir fehlt die Resonanz. Ein gutes Coaching hat diesen Moment, in dem jemand etwas ausspricht, das vorher nicht greifbar war. Dann wird es kurz still, und man merkt, dass sich etwas bewegt hat. Diese Arbeit vermisse ich tatsächlich.

Mir fehlen aber auch die Anfragen. Dass jemand meine Zeit wollte und ich sagen konnte: Im nächsten Monat habe ich noch einen Termin. Ein leerer Mittwoch ist wirtschaftlich ein Problem. Emotional fühlt er sich manchmal an wie ein Urteil über meine Relevanz.

Und bitte: Umsatz ist nicht mein persönliches Einkommen. Davon gehen Kosten und andere Verpflichtungen ab. Ich habe selbst gemerkt, wie schnell solche Zahlen im Gespräch ein Bild von Wohlstand erzeugen. Eine genaue heutige Reichweite kann ich ohne meine tatsächlichen Zahlen nicht seriös nennen.

Frage 3 von 8

Was hat Ihnen an Ihrer früheren Rolle Freude gemacht, das Sie sich vorher nicht eingestanden hätten? Gab es Momente, in denen Sie gemerkt haben, dass manches an der Funktion hing und nicht an Ihnen?

Ich habe gern mit Menschen gearbeitet, die viel entscheiden konnten. Fachlich ist das spannend, weil ein veränderter Umgang große Wirkung haben kann. Aber es gab auch einen persönlichen Reiz: Zugang zu haben. Hinter die offizielle Fassade zu schauen. Von Menschen ins Vertrauen gezogen zu werden, die sonst sehr kontrolliert auftreten.

Vielleicht habe ich mich dadurch selbst wichtiger gefühlt, als ich zugeben wollte. Ich konnte sagen, ich begleite Geschäftsführungen. Das klingt anders als: Ich versuche gerade, ein Gruppenseminar zu verkaufen.

Die Beziehungen sind deshalb nicht automatisch unecht. Einige melden sich weiterhin. Nur merke ich jetzt deutlicher, dass persönliches Vertrauen und ein kaufbarer Auftrag zwei verschiedene Dinge sind. Ich habe sie in guten Jahren manchmal fast gleichgesetzt.

Frage 4 von 8

Was oder wer hat Ihnen in dieser Zeit wirklich geholfen, und was war gut gemeint, aber nicht hilfreich?

Eine Kollegin, mit der ich offen über Geschäft sprechen kann. Nicht nur über Haltung und Wirkung, sondern über Angebote, Preise, Aufwand, tatsächlich bezahlte Arbeit. Sie fragte mich einmal: „Was davon hat jemand bestellt, und was wünschst du dir, dass jemand bestellen müsste?“ Ich war kurz beleidigt. Es war eine gute Frage.

Schlecht helfen mir Ratschläge wie „Du musst sichtbarer werden“. Sichtbarkeit ist kein Kontoauszug. Ich kann eine Menge Rückmeldungen auf einen Beitrag bekommen, ohne dass daraus ein Auftrag entsteht.

Auch „Du hast doch so gute Kontakte“ klingt zunächst freundlich. Ich habe diese Kontakte ja angesprochen. Manche antworten ehrlich, dass sie selbst nichts freigeben können. Dann fühle ich mich durch den Rat eher so, als hätte ich eine naheliegende Möglichkeit vergessen.

Frage 5 von 8

Was erleben Sie bei Anfragen, Angeboten und bezahlten Aufträgen?

Bei mir muss man nach Anfragen, Angeboten und bezahlten Aufträgen fragen, nicht zuerst nach Bewerbungen. In den letzten Monaten gab es viele persönliche Kontaktaufnahmen, mehrere ernsthafte Gespräche und konkrete Angebote. Daraus entstand nur wenig bezahlte Arbeit. Andere Angebote wurden vertagt oder abgesagt.

Überrascht hat mich weniger, dass Budgets gekürzt werden, als die Lücke zwischen Zustimmung und Kaufentscheidung. Menschen sagen: Genau das bräuchten unsere Führungskräfte. Dann passiert nichts. Früher habe ich solche Zustimmung als frühe Phase eines Auftrags verstanden. Heute muss ich genauer fragen, ob überhaupt jemand entscheiden und bezahlen kann.

Frage 6 von 8

Wo stehen Sie heute, beruflich und persönlich? Was ist besser geworden, was schmerzt weiterhin?

Ich bin weiterhin selbstständig und habe weiterhin einzelne Aufträge. Aber ich kann die schwächeren Monate nicht mehr überzeugend als kleine Delle erzählen. Ich prüfe mein Angebot und die wirtschaftliche Seite genauer. Eine große neue Lösung gibt es noch nicht.

Besser geworden ist meine Bereitschaft, Nachfrage tatsächlich zu testen, statt aus meiner Überzeugung vom Nutzen auf einen Markt zu schließen. Ich frage inzwischen früher nach Entscheidungswegen und verfügbaren Mitteln. Das fühlt sich weniger elegant an als ein tiefes Gespräch über Führung. Es ist aber notwendig.

Was schmerzt: Ich weiß, dass ich Menschen helfen kann, und sitze trotzdem mit freien Zeiten da. Ich muss lernen, dass dieses Können und die Finanzierung meiner Arbeit getrennte Fragen sind. Akzeptiert habe ich das noch längst nicht an jedem Tag.

Frage 7 von 8

Was haben Sie über sich gelernt, das Sie ohne diesen Einschnitt nicht gelernt hätten? (Es ist völlig in Ordnung, wenn die Antwort lautet: nichts, worauf ich hätte verzichten können.)

Dass meine eigenen Methoden nicht verhindern, dass ich Angst habe. Ich kenne Reflexionsfragen, Perspektivwechsel, Wertearbeit. Manchmal benutze ich sie gut. Manchmal formuliere ich damit bloß eine ansprechendere Erklärung dafür, warum ich einen unangenehmen Anruf noch nicht gemacht habe.

Ich habe außerdem gelernt, wie stark meine Identität daran hängt, die Hilfreiche zu sein. Solange andere mit ihren Fragen zu mir kommen, habe ich einen sicheren Platz. Selbst Hilfe zu brauchen, ist viel weniger bequem.

Die fachliche Erkenntnis ist eigentlich banal: Ich bin von den Mechanismen, über die ich mit Klienten spreche, nicht ausgenommen. Neu ist nur, wie persönlich sich das anfühlt. Ich würde daraus gern sofort einen guten Vortrag machen. Vielleicht sollte ich erst einmal bei mir bleiben.

Frage 8 von 8

Gibt es etwas, das ich nicht gefragt habe, das aber in so ein Buch gehört?

Ja, die Menschen, deren Arbeit darin besteht, anderen bei solchen Übergängen zu helfen. Wir können besonders gut verbergen, dass wir selbst feststecken. Wir kennen die Sprache, mit der sich Entwicklung beschreiben lässt. Damit kann man andere beruhigen und sich selbst ausweichen.

Außerdem sollte das Buch den Satz „Ich könnte so viel helfen“ genauer ansehen. Er kann stimmen. Er kann aber auch eine Kränkung verdecken: Warum wird mein Angebot nicht gewählt? Dann muss ich fragen, ob das Gegenüber etwas anderes braucht, ob die Form nicht passt oder ob schlicht kein Geld da ist. Nicht jedes Nein ist mangelnde Einsicht in meinen Wert.

Ich wünsche mir einen Text, in dem ich kompetent bleiben darf und trotzdem Unterstützung brauche. Ohne dass daraus gleich die nächste Geschichte von einer noch erfolgreicheren Neuerfindung wird.

Buchprojekt „Der Montag ohne Auftrag“ · Stand 1. November 2026

Zur Entstehung und Einordnung der Texte