The Good Life
Warum gute Beziehungen zu den wichtigsten Voraussetzungen eines guten Lebens gehören.
Robert Waldinger & Marc Schulz · „The Good Life“ · 2023
3-Minuten-Impuls lesen
Was macht ein gutes Leben aus? Mehr Geld? Beruflicher Erfolg? Gesundheit? Freiheit? Sinn?
Robert Waldinger und Marc Schulz gehen dieser großen Frage in The Good Life nach. Eine wichtige Grundlage ist die Harvard Study of Adult Development, eine der am längsten laufenden Längsschnittstudien zum Erwachsenenleben. Sie begann 1938 mit 724 Männern; über Jahrzehnte wurden unter anderem Gesundheit, Beziehungen, Arbeit und psychisches Wohlbefinden untersucht. Später wurden auch Partnerinnen und nachfolgende Generationen einbezogen.
Eine Erkenntnis zieht sich besonders deutlich durch das Buch: Gute Beziehungen gehören zu den wichtigsten Faktoren für ein gesundes und zufriedenes Leben.
1. Beziehungen sind kein weicher Zusatz zum „eigentlichen“ Leben
Wir behandeln Beziehungen häufig wie das, was übrig bleibt, wenn die wichtigen Dinge erledigt sind: erst die Arbeit, dann Aufgaben und Verpflichtungen – und wenn noch Zeit bleibt, Freunde und Familie.
Die Langzeitdaten der Harvard-Studie legen nahe, diese Reihenfolge zumindest zu hinterfragen. Menschen mit stärkeren und als befriedigender erlebten sozialen Beziehungen waren im Verlauf ihres Lebens nicht nur zufriedener, sondern tendenziell auch gesünder.
Damit werden Beziehungen zu etwas anderem: nicht zur Belohnung nach einem produktiven Tag, sondern zu einem Bestandteil eines tragfähigen Lebens.
2. Entscheidend ist nicht möglichst viel Kontakt
Die Botschaft lautet nicht: Je mehr Freunde, desto besser. Menschen unterscheiden sich darin, wie viel Nähe, Austausch und Gemeinschaft sie benötigen. Und nicht jede Beziehung tut gut.
Wichtiger ist die Qualität der Verbindungen: Gibt es Menschen, auf die ich mich verlassen kann? Menschen, mit denen ich offen sprechen kann? Beziehungen, in denen Unterstützung, Vertrauen und Verbundenheit entstehen?
Waldinger spricht in diesem Zusammenhang auch von „sozialer Fitness“. Beziehungen bleiben nicht automatisch erhalten. Sie brauchen Aufmerksamkeit und Pflege. Das geschieht selten durch eine große Entscheidung, sondern durch viele kleine: jemanden anrufen, ein gemeinsames Essen nicht wieder verschieben, zuhören, einen Konflikt klären oder sich melden, obwohl gerade viel zu tun ist.
3. Arbeit ist wichtig – aber sie kann nicht alles tragen
Für die Arbeit des Future Skills Instituts ist dieser Gedanke besonders relevant. Arbeit kann Einkommen, Struktur, Anerkennung, Kontakte, Entwicklung und Sinn geben. Sie kann ein wichtiger Bestandteil eines guten Lebens sein.
Problematisch wird es, wenn sie zu viele Funktionen gleichzeitig übernehmen soll – oder wenn beruflicher Erfolg dauerhaft auf Kosten von Beziehungen, Gesundheit und anderen Lebensbereichen geht.
Es geht deshalb nicht um „Arbeit oder Beziehungen“. Finanzielle Sicherheit und sinnvolle Beschäftigung bleiben wichtig. Die interessantere Frage lautet: Wie verteile ich meine begrenzte Zeit und Energie so, dass nicht ein Bereich auf Kosten aller anderen optimiert wird?
Was wir daraus mitnehmen
The Good Life liefert keine mathematische Formel für Zufriedenheit. Auch die Harvard Study sollte nicht überinterpretiert werden: Sie begann mit zwei sehr spezifischen Gruppen männlicher Teilnehmer aus dem Raum Boston. Langzeitbeobachtungen können starke Zusammenhänge zeigen, aber nicht jede Ursache eines guten Lebens eindeutig isolieren.
Gerade deshalb ist die zentrale Erkenntnis bemerkenswert: Beziehungen gehören nicht an den Rand eines guten Lebens. Sie gehören in seine Mitte.
Für das Future Skills Institut folgt daraus: Wenn wir fragen, welche Fähigkeiten Menschen für eine unsichere Zukunft benötigen, dürfen wir nicht nur auf Technologie, Beschäftigungsfähigkeit und beruflichen Erfolg schauen. Beziehungsfähigkeit, Empathie, Kommunikation und Konfliktfähigkeit sind nicht bloß „Soft Skills“. Sie können Fähigkeiten für ein gutes Leben sein.
Welche Beziehung in meinem Leben möchte ich gerade etwas bewusster pflegen?
Einordnung: Dieser 3-Minuten-Impuls fasst ausgewählte Gedanken aus dem Buch und der zugrunde liegenden Langzeitforschung in eigenen Worten zusammen und verbindet sie mit den Forschungsfragen des Future Skills Instituts. Er ersetzt nicht die Lektüre des Originals.
Quelle: Robert Waldinger & Marc Schulz (2023): The Good Life: Lessons from the World's Longest Scientific Study of Happiness. Simon & Schuster. Hintergrund zur Harvard Study of Adult Development: Harvard Study of Adult Development ↗