3-Minuten-Impuls · Zukunft verstehen

Zukunft verstehen 3-Minuten-Impuls 07

A World Without Work

Was, wenn das Zukunftsproblem nicht Arbeitslosigkeit im heutigen Sinn ist – sondern eine Welt, in der dauerhaft weniger bezahlte Arbeit gebraucht wird?

Daniel Susskind · „A World Without Work: Technology, Automation, and How We Should Respond“ · 2020

Technologie muss uns nicht imitieren: Maschinen können Aufgaben übernehmen, ohne wie Menschen zu denken – und dadurch in immer mehr Tätigkeitsfelder vordringen.
Weniger Arbeit kann mit mehr Wohlstand zusammenfallen: Die zentrale Frage wäre dann nicht nur, wie viel produziert wird, sondern wie Einkommen, Chancen und technologische Macht verteilt werden.
Arbeit trägt mehr als Einkommen: Wenn Erwerbsarbeit weniger zentral wird, müssen Sinn, Status, Struktur und gesellschaftliche Teilhabe möglicherweise andere Quellen finden.
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Was, wenn uns in Zukunft nicht die Arbeit ausgeht – sondern die bezahlte Arbeit?

Seit Beginn der Industrialisierung begleitet technologischen Fortschritt dieselbe Sorge: Maschinen könnten Menschen überflüssig machen. Bisher entstanden nach Umbrüchen immer wieder neue Tätigkeiten. Genau deshalb reagieren viele Ökonominnen und Ökonomen skeptisch auf die Vorstellung dauerhafter technologischer Arbeitslosigkeit.

Daniel Susskind stellt in A World Without Work die unbequeme Gegenfrage: Was, wenn wir uns diesmal nicht darauf verlassen können, dass für jede automatisierte Tätigkeit ausreichend neue menschliche Arbeit entsteht?

Er behauptet nicht, dass morgen sämtliche Jobs verschwinden. Sein Buch untersucht eine langfristigere Möglichkeit: Künstliche Intelligenz und andere Technologien könnten immer mehr Aufgaben übernehmen und dadurch den Anteil menschlicher Erwerbsarbeit schrittweise verringern.

1. Maschinen müssen nicht denken wie wir, um Aufgaben besser zu erledigen

Eine verbreitete Vorstellung lautet: Solange Maschinen keine echte menschliche Intelligenz besitzen, bleiben viele Berufe sicher. Susskind hält diese Annahme für zu beruhigend.

Technische Systeme müssen eine Aufgabe nicht auf dieselbe Weise lösen wie Menschen. Entscheidend ist, ob sie ein ausreichend gutes Ergebnis liefern. Schon heute können Systeme Aufgaben übernehmen, die früher als ausgesprochen wissensintensiv galten – etwa bestimmte Formen medizinischer Analyse, Übersetzung, Mustererkennung oder das Erstellen und Prüfen von Texten.

Damit verschiebt sich der Blick vom Beruf auf die Aufgabe. Ein Beruf muss nicht komplett verschwinden, damit Technologie große Teile davon verändert. Manche Aufgaben werden automatisiert, andere gewinnen an Bedeutung und neue Verantwortlichkeiten entstehen.

Genau deshalb untersucht unser JobRadar 2040 nicht nur neue Jobtitel. Wir fragen, wo menschliches Urteil, Beziehung, Übersetzung, Legitimation und Verantwortung auch in stärker automatisierten Systemen wichtig bleiben.

2. Weniger Erwerbsarbeit wäre nicht automatisch weniger Wohlstand

Hier liegt eines der interessantesten Paradoxa des Buches. Wenn Maschinen immer mehr produzieren können, könnte eine Gesellschaft materiell wohlhabender werden – während gleichzeitig weniger Menschen über klassische Erwerbsarbeit Zugang zu diesem Wohlstand erhalten.

Dann wäre technologische Arbeitslosigkeit nicht nur ein Problem fehlender Qualifikation. Es würde zu einer Verteilungsfrage: Wer besitzt die produktiven Technologien? Wer erhält Einkommen? Wer profitiert von wachsender Produktivität? Und wie viel wirtschaftliche und politische Macht konzentriert sich bei denjenigen, die diese Systeme kontrollieren?

Susskind richtet den Blick deshalb nicht nur auf Weiterbildung. Er diskutiert auch die gerechte Verteilung technologischen Wohlstands und die wachsende Macht großer Technologieunternehmen.

Für Future Skills ist diese Unterscheidung wichtig. Bessere Fähigkeiten können die Chancen eines Menschen auf interessante Arbeit erhöhen. Sie sind aber keine Garantie dafür, dass eine Volkswirtschaft langfristig genügend bezahlte Arbeit für alle bereitstellt.

3. Wenn Arbeit weniger wird, verschwindet nicht nur der Gehaltszettel

Spätestens hier wird A World Without Work für das Future Skills Institut besonders relevant.

Erwerbsarbeit ist für viele Menschen weit mehr als eine Methode, Geld zu verdienen. Sie kann Anerkennung und Status geben, soziale Kontakte schaffen und ein Gefühl von Aufgabe, Identität und Sinn vermitteln. Susskind macht deshalb deutlich: Selbst wenn eine Gesellschaft das Einkommensproblem lösen könnte, bliebe die Frage, wie Menschen Bedeutung und gesellschaftliche Teilhabe erleben, wenn Arbeit nicht mehr im Zentrum ihres Lebens steht.

Unsere Arbeit zu Lebensfähig 2040 setzt genau an dieser Stelle an und erweitert die Perspektive auf den Alltag: Arbeit strukturiert häufig auch Zeit, Beziehungen, Entwicklung und das Gefühl, gebraucht zu werden. Wenn diese Stütze schwächer wird, braucht ein gutes Leben andere tragfähige Quellen.

Das können Beziehungen, Gemeinschaft, Fürsorge, Lernen, körperliche Aktivität, praktische Tätigkeiten, Engagement oder selbst gewählte Aufgaben sein. Nicht als romantischer Ersatz für fehlendes Einkommen – materielle Sicherheit bleibt fundamental –, sondern als zusätzliche Lebensgrundlagen.

4. Future Skills bleiben wichtig – aber aus einem größeren Grund

Eine mögliche Welt mit weniger Arbeit macht Future Skills nicht überflüssig. Im Gegenteil. Nur verändert sich ihr Zweck.

Wir brauchen Lernfähigkeit, technologische Kompetenz und Anpassungsfähigkeit, um dort anschlussfähig zu bleiben, wo neue Arbeit entsteht. Wir brauchen Urteilskraft und Verantwortungsfähigkeit dort, wo Menschen weiterhin Entscheidungen treffen müssen.

Aber wir könnten dieselben Fähigkeiten auch benötigen, um unser Leben jenseits einer stabilen Erwerbsbiografie gestalten zu können: selbst Struktur schaffen, Beziehungen pflegen, neue Rollen übernehmen, mit Unsicherheit umgehen und Sinn nicht ausschließlich aus beruflichem Status beziehen.

Deshalb gehören für das Future Skills Institut zwei Forschungsfragen zusammen: Welche neue Arbeit könnte entstehen? Und: Was trägt ein gutes Leben, wenn Arbeit weniger trägt?

Was wir daraus mitnehmen

A World Without Work ist keine Vorhersage, dass Erwerbsarbeit verschwinden wird. Die langfristige Entwicklung von Technologie, Arbeitsmärkten, Politik und Institutionen bleibt offen – und die Frage, wie stark KI menschliche Arbeit tatsächlich verdrängen wird, ist wissenschaftlich und gesellschaftlich umstritten.

Aber das Buch stellt einen wertvollen Stresstest für unser heutiges Denken dar.

Vielleicht reicht es nicht, Menschen ausschließlich auf die Frage vorzubereiten: Wie bleibe ich beschäftigungsfähig?

Wir sollten zusätzlich fragen:

Wie bleibe ich lebensfähig, wenn Beschäftigung irgendwann weniger selbstverständlich wird?

Welche drei Dinge gibt mir meine Arbeit heute außer Einkommen – und wo könnten diese Dinge in meinem Leben noch entstehen?

Einordnung: Dieser 3-Minuten-Impuls fasst ausgewählte Argumente aus Daniel Susskinds Buch in eigenen Worten zusammen und verbindet sie mit den Forschungsfragen des Future Skills Instituts. A World Without Work ist eine ökonomische und gesellschaftliche Analyse möglicher langfristiger Folgen technologischen Fortschritts – keine Prognose, dass bezahlte Arbeit tatsächlich verschwinden wird. Der Beitrag ersetzt nicht die Lektüre des Originals.

Quelle: Daniel Susskind (2020): A World Without Work: Technology, Automation, and How We Should Respond. Allen Lane / Penguin. Weitere Informationen: Offizielle Buchseite ↗ · Oxford-Martin-Vortrag zum Buch ↗