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3-Minuten-Impuls · Zukunft verstehen

Zukunft verstehen 3-Minuten-Impuls 11

The Future of the Professions

Was bleibt von Expertenarbeit, wenn KI nicht nur Routine übernimmt – sondern Expertise selbst anders erzeugt, bündelt und verfügbar macht?

Richard Susskind & Daniel Susskind · „The Future of the Professions: How Technology Will Transform the Work of Human Experts“ · 2015, aktualisierte Ausgabe 2022

Technologie verändert nicht nur Berufe, sondern den Zugang zu Expertise. Wissen, das bisher an einzelne Professionals und Organisationen gebunden war, kann durch digitale Systeme standardisiert, vervielfältigt und breiter verfügbar werden.
Der Beruf ist oft die falsche Analyseeinheit. Entscheidend ist, aus welchen Aufgaben eine professionelle Leistung besteht – und welche davon automatisiert, neu verteilt oder weiterhin menschlich verantwortet werden sollten.
„Was bleibt für den Menschen?“ ist auch eine normative Frage. Nicht alles, was technisch automatisierbar ist, muss gesellschaftlich automatisiert werden. Verantwortung, Vertrauen, Legitimation und Kontrolle müssen bewusst gestaltet werden.
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Was macht eine Ärztin, einen Anwalt, eine Lehrerin oder einen Berater eigentlich wertvoll?

Ist es ihr Wissen? Ihre Erfahrung? Ihr Urteil? Der persönliche Kontakt? Oder vor allem die Tatsache, dass unsere Gesellschaft ihnen erlaubt und zutraut, bestimmte Probleme stellvertretend für andere zu lösen?

Richard und Daniel Susskind stellen in The Future of the Professions genau diese Selbstverständlichkeit infrage. Ihr Ausgangspunkt ist nicht die einfache Behauptung, KI werde ganze Berufe abschaffen. Sie fragen grundsätzlicher: Wie wird praktische Expertise in einer digitalen Gesellschaft erzeugt und verteilt – und brauchen wir dafür weiterhin dieselben professionellen Strukturen wie heute?

1. Professionen beruhen auf einem gesellschaftlichen Tauschgeschäft

Die Autoren beschreiben die etablierten Professionen als Teil eines „grand bargain“ – eines großen gesellschaftlichen Tauschgeschäfts. Bestimmte Berufsgruppen erhalten besonderen Status, Zugangsregeln und teilweise exklusive Rechte. Im Gegenzug sollen sie komplexes Fachwissen aufbauen, Standards einhalten und ihre Expertise verantwortungsvoll im Interesse anderer einsetzen.

Dieses Modell entstand in einer Welt, in der hochwertiges Fachwissen knapp, schwer zugänglich und eng an ausgebildete Spezialistinnen und Spezialisten gebunden war.

Digitale Technologien verändern genau diese Voraussetzung. Wissen kann gespeichert, strukturiert, vervielfältigt und über Systeme verfügbar gemacht werden. Die zentrale Frage lautet deshalb nicht nur, wie Professionals Technologie nutzen, sondern ob bestimmte Leistungen künftig überhaupt noch in derselben Form durch einen einzelnen Professional erbracht werden müssen.

Das ist ein wichtiger Perspektivwechsel: Nicht der Beruf ist der eigentliche Zweck. Der Zweck ist das Problem, das für einen Menschen oder für die Gesellschaft gelöst werden soll.

2. Es gibt zwei sehr unterschiedliche technologische Zukünfte

Die Susskinds unterscheiden zwei mögliche Entwicklungspfade. Der erste wirkt vertraut: Technologie macht bestehende Professionen effizienter. Ärztinnen analysieren schneller, Anwälte recherchieren besser, Lehrkräfte erhalten neue Werkzeuge und Berater automatisieren Routinearbeit. Die Profession bleibt im Kern bestehen – nur produktiver.

Der zweite Pfad ist radikaler. Hier unterstützt Technologie Professionals nicht nur, sondern verändert die Art, wie Expertise bereitgestellt wird. Ein digitales System kann Fachwissen bündeln, standardisieren und vielen Menschen gleichzeitig zugänglich machen. Leistungen werden zerlegt, neu kombiniert oder von anderen Personen und Systemen übernommen.

Gerade mit heutiger generativer KI wirkt dieser Gedanke bemerkenswert aktuell. Aber er sollte nicht vorschnell als Beleg dafür gelesen werden, dass ganze Berufsgruppen verschwinden werden. Zwischen technischer Möglichkeit und tatsächlicher Einführung liegen Regulierung, Haftung, Vertrauen, Kosten, institutionelle Interessen und gesellschaftliche Entscheidungen.

Die Stärke des Buches liegt deshalb weniger in einer exakten Prognose als in seiner analytischen Frage: Was verändert sich, wenn Expertise nicht mehr automatisch an die traditionelle Form des Expertenberufs gebunden ist?

3. Berufe bestehen aus Aufgaben – und Aufgaben entwickeln sich unterschiedlich

Für Future Skills ist dieser Gedanke besonders relevant. Ein Beruf ist kein unteilbarer Block. Er besteht aus vielen unterschiedlichen Tätigkeiten: Informationen beschaffen, Muster erkennen, Optionen entwickeln, dokumentieren, erklären, beraten, entscheiden, Beziehungen gestalten oder Verantwortung übernehmen.

Technologie trifft diese Aufgaben nicht gleichzeitig und nicht auf dieselbe Weise. Einige lassen sich standardisieren. Andere werden durch KI unterstützt. Manche verschwinden möglicherweise. Wieder andere werden gerade deshalb wichtiger, weil automatisierte Systeme mehr Entscheidungen vorbereiten oder ausführen.

Damit wird die verbreitete Frage „Ist mein Beruf sicher?“ zu grob. Hilfreicher sind Fragen wie: Welche Aufgaben lösen das eigentliche Problem? Welche davon kann ein System übernehmen? Wo braucht es weiterhin menschliches Urteil? Wer erklärt Unsicherheit? Wer darf eine Entscheidung legitimieren? Und wer trägt Verantwortung, wenn etwas schiefgeht?

Das ist auch die Logik hinter unserem JobRadar 2040: Wir suchen nicht einfach nach neuen Berufsbezeichnungen. Wir untersuchen, welche menschlichen Aufgaben und Verantwortungsrollen in stärker technologisierten Systemen entstehen oder bestehen bleiben könnten.

4. Menschlichkeit ist kein automatischer Schutzwall

Eine bequeme Antwort auf KI lautet häufig: „Das Menschliche wird immer bleiben.“ Das kann stimmen – ist aber zunächst nur eine Behauptung.

Die Susskinds zwingen zu einer präziseren Frage: Welche Aufgaben sollten tatsächlich Menschen vorbehalten bleiben – und warum?

Vielleicht wegen Verantwortung und Haftung. Vielleicht weil Vertrauen und Beziehung selbst Teil der Leistung sind. Vielleicht weil eine Entscheidung gesellschaftliche Legitimation braucht. Vielleicht weil wir nicht möchten, dass bestimmte Macht vollständig an technische Systeme oder deren Betreiber delegiert wird.

Das sind nicht nur technische Fragen. Sie betreffen Werte, Institutionen und Macht. Wenn Expertise zunehmend digital bereitgestellt wird, wird auch wichtig, wer diese Systeme besitzt, kontrolliert und definiert, welches Wissen sie anwenden.

Für das Future Skills Institut folgt daraus: Menschliche Relevanz sollte nicht mit einem diffusen Hinweis auf Empathie begründet werden. Wir müssen konkreter verstehen, wo Menschen urteilen, Verantwortung übernehmen, Ziele aushandeln, Beziehungen gestalten und technologische Ergebnisse in einen realen Kontext übersetzen müssen.

5. Future Skills sollten an zukünftiger Verantwortung ansetzen

Wenn sich Aufgaben innerhalb eines Berufs verschieben, verändert sich auch die Bedeutung von Kompetenzen.

Reines Fachwissen verliert nicht automatisch seinen Wert. Menschen brauchen Grundlagen, um Fragen zu stellen, Ergebnisse zu beurteilen und Verantwortung übernehmen zu können. Aber der Wettbewerbsvorteil eines Professionals kann künftig weniger darin liegen, Wissen exklusiv zu besitzen, und stärker darin, Wissen und Technologie sinnvoll in komplexe Situationen zu übersetzen.

Urteilskraft, kritisches Denken, Lernfähigkeit, technologische Kompetenz, Kommunikation, Beziehungsgestaltung, Umgang mit Unsicherheit und Verantwortungsfähigkeit werden dadurch nicht abstrakt „wichtiger“. Sie werden wichtig, wenn sie an konkrete neue Aufgaben gekoppelt sind.

Genau deshalb sollte Future-Skills-Forschung nicht bei Listen enden. Die entscheidende Frage lautet: Welche Fähigkeiten braucht ein Mensch, um in einer veränderten Arbeitsteilung mit KI eine relevante Verantwortung tatsächlich gut übernehmen zu können?

Was wir daraus mitnehmen

The Future of the Professions erschien erstmals 2015 und damit lange vor dem Durchbruch heutiger generativer KI. Die aktualisierte Ausgabe von 2022 ergänzt ein neues Vorwort zu neueren Entwicklungen. Dass viele Fragen heute noch dringlicher wirken, macht das Buch interessant – aber nicht automatisch zu einer bestätigten Vorhersage.

Wie schnell sich einzelne Professionen verändern, hängt stark von Technik, Regulierung, Organisationen, Vertrauen und gesellschaftlichen Entscheidungen ab. Manche Tätigkeiten könnten wesentlich länger menschlich bleiben, als technologische Szenarien vermuten lassen; andere könnten schneller transformiert werden.

Die vielleicht wertvollste Frage des Buches ist deshalb nicht:

„Welcher Beruf wird durch KI ersetzt?“

Sondern:

„Wie sollte Expertise künftig organisiert sein – und wofür wollen wir weiterhin Menschen in Verantwortung?“

Wenn Fachwissen in meinem Arbeitsfeld jederzeit günstig verfügbar wäre: Wofür sollte ein Mensch weiterhin Verantwortung tragen – und welche Fähigkeiten bräuchte er dafür?

Einordnung: Dieser 3-Minuten-Impuls fasst ausgewählte Argumente aus The Future of the Professions in eigenen Worten zusammen und verbindet sie mit den Forschungsfragen des Future Skills Instituts. Das Buch analysiert langfristige technologische Transformationspfade und formuliert bewusst weitreichende Thesen. Es ist keine Prognose darüber, welche Professionen zu welchem Zeitpunkt verschwinden oder welche Aufgaben tatsächlich automatisiert werden. Die Übertragung auf aktuelle generative KI und auf JobRadar 2040 ist als FSI-Einordnung gekennzeichnet.

Quelle: Richard Susskind & Daniel Susskind (2015; Updated Edition 2022): The Future of the Professions: How Technology Will Transform the Work of Human Experts. Oxford University Press. Weitere Informationen: Offizielle Buchseite ↗ · Oxford University Press · Updated Edition ↗ · Oxford-Martin-Vortrag zum Buch ↗